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Was Weinbewertungen aussagen

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Was Weinbewertungen wirklich aussagen

20.12.2016, 14:58 Uhr | Uwe Kauss, wanted.de

Was Weinbewertungen aussagen. Sind prämierte Weine garantiert gut? Wir helfen durch den Dschungel der Auszeichnungen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Sind prämierte Weine garantiert gut? Wir helfen durch den Dschungel der Auszeichnungen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Goldmedaille, Kammerpreismünze, Parker-Punkte: Wer einen guten Wein sucht, achtet auf Auszeichnungen und möglichst hohe Bewertungen. Doch was sagen sie aus? WANTED.DE klärt auf.

Der Weinhändler flüstert verschwörerisch: "93 Punkte hat dieses Weinchen bei Parker bekommen. Kostet nur 18 Euro die Flasche. Das ist geschenkt! Totaler Wahnsinn!" Aha? Ach so? Der Kunde lächelt, bedankt sich und zahlt. Einfache Regel im Weinverkauf: Gut bewertet ist gut verkauft.

Oft prangen Medaillen, Banderolen mit Auszeichnungen, Punktzahlen oder Sterne am Weinregal oder auf der Flasche, um Kunden zu locken. Wenn eine unabhängige Jury sagt, der Wein sei grandios, kann er schließlich nicht so schlecht sein.

Doch die einzelnen Systeme, mit denen Weine bewertet werden, sind extrem unterschiedlich in ihrer Strenge und Aussagekraft – und niemals vergleichbar. Gut bewertet bedeutet nicht, dass da ein toller Wein steht. Im Augenblick der Verkostung schmeckte er den Jury-Mitgliedern besser oder schlechter als andere – mehr sagt die werbewirksame Note nicht aus.

Parker-Punkte

Das heute von den meisten Kritikern, Verbänden und Wettbewerben verwendete System ist das 100-Punkte-System. Erfunden hat es der amerikanische Weinkenner und Rechtsanwalt Robert Parker Jr. am Ende der 1970-er Jahre. Er gilt bis heute als der einflussreichste Weinkritiker der Welt.

1978 erschien die erste Ausgabe der von ihm gegründeten, zweimonatlich erscheinenden und werbefreien Zeitschrift "Wine Advocate", in der er Bewertungen der von ihm verkosteten Weine publizierte. Sie bestehen seit damals aus sehr knappen, den Wein und seine Attribute beschreibenden Texten und Benotungen. Damals arbeitete er noch als Jurist bei einer Bank, erst mit dem Erfolg seines schlichten Wein-Newsletters wurde er hauptberuflicher Weinkritiker – und der erfolgreichste.

100 Punkte ist die Bestnote

Um Weinqualität erstmals vergleichbar zu machen, führte Parker das in den US-Schulen übliche Notensystem mit 100 Punkten ein, das sich in der Folge als internationaler Standard durchsetzte. Für die amerikanischen Weinfreunde und -profis war das sofort zu verstehen: 100 Punkte ist dort die Bestnote.

Ein Wein mit dieser Punktzahl ist demnach ein grandioser Wein, dessen Qualität und Geschmack nicht zu übertreffen ist. Ein Wein, der mit weniger als 80 Punkten bewertet wird, ist dagegen fehlerhaft oder enttäuschend und daher nicht empfehlenswert. Auf deutsche Schulnoten übertragen, teilen sich die Parkerpunkte so ein:

  • 96-100 Punkte: sehr gut bis außergewöhnlich (Note 1)
  • 90-95 Punkte: gut (Note 2)
  • 80-89 Punkte: befriedigend (Note 3)
  • 70-79 Punkte: ausreichend (Note 4)
  • 60-69 Punkte: mangelhaft (Note 5)
  • 50-59 Punkte: ungenügend (Note 6)

Erstmals unabhängige Bewertung 

Das war damals völlig neu: Unabhängige Weinkritik existierte davor weder in den USA noch in Europa. Die einzigen Experten, die Weine bewerteten, waren die Gutsbesitzer selbst. Schlechte Noten waren daher verdammt selten. Parkers "Wine Advocate" hatte nach dem Start lediglich 600 Abonnenten. Doch im Lauf der 1980-er Jahre setzte sich Parkers System bei den Weineinkäufern durch – vor allem bei denen, die mit teurem Bordeaux handelten und Entscheidungen trafen, die sie viel Geld kosteten.

Punkte machen den Wein teurer

Punkte wurden damit zur Währung: Denn benotete Parker einen Wein mit 90 Punkten und mehr, bestellten ihn die Weinprofis sofort – auch ohne zu kosten. Da die Nachfrage den Preis bestimmt, verlangten manche Güter für ihren Wein nach einer Top-Bewertung von Parker das Doppelte und mehr – und die Kunden mussten es akzeptierten. Sein 100-Punkte-System ist inzwischen in fast allen Weinbauländern zum Standard geworden. Er hat die Noten inzwischen mit einem Plus-Zeichen (+) ergänzt. Das bedeutet: Der Wein hat ein besonders großes Entwicklungspotential, wenn er einige Jahre gelagert wird.

Daneben ist in Europa auch das 20-Punkte-System sehr populär, das aus dem französischen Schulnotensystem abgeleitet ist. Der international bekannte Schweizer Bordeaux-Kritiker René Gabriel und seine Zeitschrift "Weinwisser" verwenden es, ebenso Jancis Robinson aus London, Europas wichtigste Weinkritikerin. Es umfasst folgende Einordnung:

  • 18-20 Punkte: sehr gut bis außergewöhnlich (Note 1)
  • 16-18 Punkte: gut bis ausgezeichnet (Note 2)
  • 14-16 Punkte befriedigend bis gut (Note 3)
  • 12-14 Punkte: ausreichend bis befriedigend (Note 4)
  • 10-12 Punkte: nicht ausreichend (Note 5)
  • unter 10 Punkte: nicht trinkbar (Note 6)

21 von 20 möglichen Punkten

Kritiker wenden dagegen ein, die Spannen der beiden Punktesysteme seien viel zu groß: Das 100-Punkte-System umfasst auf den zweiten Blick nämlich nur 20 Punkte: Wer öffnet schon einen Wein, der mit nur 79 Punkten abgeschnitten hat, also eine deutsche 4+ erreicht? Uninteressant. Beim 20-Punkte-System ist dagegen nur die Spanne von 10 Punkten relevant. Daher haben es einige Weinkritiker mittlerweile in 0,5-er Schritte unterteilt und kommen so ebenfalls auf ein 20 Punkte-System. Ein Topwein kann so auch mit 18,5 Punkten abschneiden und so ein klein wenig besser dastehen als einer mit 18 Punkten. Der Kritiker René Gabriel greift zudem in die Trickkiste und bewertet – allerdings selten – einen für ihn grandiosen Wein auch mal mit 21 Punkten.

Besonders wichtig: Die Benotungen verschiedener Kritiker sind untereinander nicht vergleichbar. Jeder prägt das Ergebnis nach seinen Maßstäben. Parker etwa präferiert sehr kraftvolle, von Barrique-Aromen, viel Frucht und kräftigem Tannin geprägte Weine. Wer sie bietet, erhält mehr Punkte als andere Weine. Die Riesling-Freundin Jancis Robinson beurteilt dagegen auch sehr feine, zart-elegante und auf Aromen schwebende Weine mit Höchstnoten. Wer die subjektiv geprägten Beurteilungskriterien eines Kritikers, einer Zeitschrift oder Wettbewerbsjury nicht kennt, kann daher im Weinladen ziemlich daneben liegen.

Wein verändert sich

Weiter ist es wichtig zu wissen, wann die Weine bewertet wurden. Parker etwa gab 1989 dem 1986-er Top-Bordeaux Château Mouton die Traumnote: 100 Punkte. Der Preis schoss in die Höhe. Bald darauf verschloss der Wein seine damals noch jungen, wunderbaren Aromen – bis heute würde ihn wohl niemand mehr so hoch bewerten. Das kann in einigen Jahren wieder anders aussehen, muss aber nicht. 

Ohne Vorwissen ist es daher kaum möglich, eine Kritikerbewertung für seinen persönlichen Geschmack einzuordnen. Manche Weinfreaks haben nach dem Öffnen vieler hoch bewerteter, aber für sie enttäuschender Flaschen aus dieser Not eine Tugend gemacht: Lobt Robert Parker Jr. einen Wein, wird er ignoriert. Zu breit, zu dicht, zu viele Gerbstoffe. Bewertet er ihn niedrig: Her damit! Ein toller Wein zum günstigen Preis.

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